Beiträge für Mai, 2006

28. Mai 2006

Die Medizin ist zu männlich

Dass Männer und Frauen gleiche Krankheiten sehr unterschiedlich durchmachen, dringt viel zu langsam in den Praxisalltag ein. “Dieser Zweig der Medizin steckt noch in den Kinderschuhen”, bestätigt Professorin Brigitte Lohff von der medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Gesundheitsmagazin “Apotheken Umschau”. Viele Unterschiede kennen die Ärzte auch noch gar nicht. So wurde etwa erst jüngst entdeckt, dass Frauen bei Operationen mehr Narkosemittel benötigen und früher aus der Narkose aufwachen. In der Forschung schließen Wissenschaftler Frauen manchmal sogar als Probanden bei Studien aus, weil deren Hormonhaushalt die Auswertung zu kompliziert macht. So kam heraus, dass bei 422 Studien, die das wichtige Wissenschaftsblatt “New England Journal of Medicine” zwischen 1994 und 1999 veröffentlichte, nur in 24,6 Prozent der Fälle Frauen zu den Untersuchten gehörten. Die Folge: Unterschiede werden gar nicht wahrgenommen. In ganz Europa gibt es keine einzige Einrichtung, welche die Unterschiede systematisch erforscht. An der MHH soll diese Lücke jetzt geschlossen werden. Mehrere Teams wollen das Wissen zunächst einmal sichten und sammeln. Geleitet werden sie übrigens von Frauen.

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26. Mai 2006

Wirksamkeit von Musiktherapie bei Herzkatheteruntersuchungen nachgewiesen

Eine interdisziplinäre Kooperationsstudie des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung in Heidelberg, der Fakultät für Musiktherapie der Fachhochschule Heidelberg und des SRH- Zentralklinikums Suhl belegt die Wirksamkeit einer musiktherapeutischen Stimulation bei Herzkatheteruntersuchungen. Die psychischen Belastungen der Patienten verringerten sich deutlich. Der Vergleich vor und nach der Herzkatheteruntersuchung zeigt, dass sich vor allem das subjektive Stresserleben der Patienten signifikant reduziert hat. Aufgrund dieser ersten Ergebnisse plant das Zentralklinikum Suhl ab August 2006 diese unterstützende Musiktherapie in den klinischen Alltag zu integrieren und bei Herzkatheteruntersuchungen anzubieten.

Ingesamt wurden 90 Personen mit Verdacht auf Erkrankung der Herzkranzgefäße in die Studie eingeschlossen. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip zu je einem Drittel einer Musikexpositionsgruppe, einer Coachinggruppe oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die erste Gruppe erhielt über Kopfhörer während der Herzkatheteruntersuchung standardisierte Entspannungsmusik. Ein zusätzlich zum medizinischen Personal anwesender Musiktherapeut regelte die Lautstärke der Musik. Die zweite Gruppe bekam zusätzlich zur musikalischen Intervention einen Tag vor der Untersuchung ein fünfzigminütiges musiktherapeutisches Coaching und direkt vor dem Eingriff noch einmal Anweisungen zur Entspannung. Das Coaching umfasste eine ausführliche Behandlungsinformation, ein musiktherapeutisches Entspannungstraining und Hinweise über den Umgang mit Stress. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich die übliche medizinische Grundversorgung. Während der Herzkatheteruntersuchung war außer dem medizinischen Fachpersonal keine weitere Person anwesend.

Alle Patienten wurden einen Tag vor der Herzkatheteruntersuchung stationär aufgenommen und entsprechend den medizinischen Standards betreut. Gegenstand der Untersuchung war die Frage, inwieweit eine musikalische Intervention während der Herzkatheteruntersuchung Einfluss hat auf das Angst- und Stresserleben der Patienten. Mit der Studie sollte auch geklärt werden, ob beruhigende Medikamente durch eine musiktherapeutische Behandlung reduziert werden können und ob das Coaching Vorteile gegenüber einer rein musikalischen Entspannung aufweist.

Die Studie ergab eine deutliche Abnahme des subjektiven Stresserlebens bei allen Patienten nach der Untersuchung. Am eindeutigsten war die Verbesserung in der Gruppe in der Musikexpositionsgruppe, noch vor der Coachinggruppe. Die Patienten, die während des Eingriffs standardisierte Musik hören konnten, äußerten, dass sich ihr persönliches Wohlbefinden verbessert hätte. Dieses Ergebnis ist dabei unabhängig von Faktoren wie Geschlecht, Alter, Einweisungsdiagnose bzw. Untersuchungsdiagnose, Anzahl der bisher erfolgten Herzkatheteruntersuchungen sowie vom behandelnden Arzt. Die Forscher fanden einen Einfluss bestimmter Persönlichkeitseigenschaften heraus. Die Patienten wurden anhand von Testergebnissen der Gruppe “wenig belastet” oder “stark belastet/ängstlich” zugeordnet. Bei Patienten mit einer zuvor diagnostizierten starken Angst- und Stressbelastung war insbesondere die Entspannungsmusik während der Untersuchung eine effektive Methode zur klinisch bedeutsamen Verringerung der psychischen Belastung. Bei Patienten mit einer niedrigen Belastung verbesserten sich Kontroll-, Musikexpositions- sowie Coachinggruppe annähernd gleich. Auf die Physiologie hatte die Musikintervention nur geringe Auswirkungen Der Verlauf der physiologischen Parameter war in allen Untersuchungsgruppen ähnlich, wobei hier die größten Veränderungen in der Coachinggruppe zu beobachten waren, allerdings ohne statistische oder klinische Signifikanz zu erreichen. Durch die musiktherapeutische Intervention konnte keine Verringerung der Medikamentendosis erreicht werden.

Da sich das persönliche Wohlbefinden der Patienten, die während der Herzkatheteruntersuchung entspannende Musik hören konnten, signifikant verbesserte, wird das Zentralklinikum Suhl diese standardisierte rezeptive Musiktherapie ab August 2006 in den klinischen Alltag übernehmen.

Bei einer Herzkatheteruntersuchung wird ein dünner biegsamer Kunststoffschlauch, üblicherweise über die Oberschenkelarterie oder die Armschlagader unter Röntgenkontrolle, in das Herz bzw. die Herzkammer geschoben. Diese Methode wird als Linksherzkatheter oder auch arterieller Katheter bezeichnet. Mit dieser lassen sich die linke Herzkammer und die Herzkranzgefäße darstellen. Als Rechtsherzkatheter oder auch venöser Katheter wird ein Zugang zur rechten Herzkammer bzw. die Lungengefäße über eine Vene bezeichnet. Durch Einspritzen von Röntgen-Kontrastmittel über den Katheter werden Herz- bzw. Gefäßstrukturen und -funktionen auf dem Röntgenbildschirm sichtbar. So lassen sich krankhafte Veränderungen, wie beispielsweise verengte Herzkranzgefäße, Gefäßverschlüsse oder Tumoren ebenso diagnostizieren wie angeborene Fehlbildungen des Herzens. Eine Herzkatheteruntersuchung kann auch therapeutisch eingesetzt werden, so beispielsweise zur Erweiterung verengter Herzkranzgefäße, so genannter Koronarstenosen. Auch Stents, d. h. medizinische Implantate, können so gesetzt werden, um nach einer Aufdehnung von Herzkranzgefäßen deren erneuten Verschluss zu verhindern. Die Patienten erhalten bei einer Herzkatheteruntersuchung lediglich eine örtliche Betäubung und sind während der gesamten Untersuchung bei vollem Bewusstsein. Die Betroffenen erleben diese Untersuchung als sehr belastend. Diese psychischen Begleiterscheinungen können den Untersuchungsablauf und die Erholungsphase nach der Herzkatheteruntersuchung beeinflussen.

Das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut) DZM e. V. wurde 1995 in Heidelberg gegründet. Heute ist das DZM das größte musiktherapeutische Forschungsinstitut in Europa und vereint Forschung, Praxis und Lehre unter einem Dach. Das DZM ist ein AN-Institut der Fachhochschule Heidelberg, d. h. das Forschungsinstitut ist wissenschaftlich eng mit der Fachhochschule verbunden, aber privatwirtschaftlich organisiert und damit finanziell unabhängig. Das DZM ist als gemeinnützig anerkannt und finanziert sich zum überwiegenden Teil aus Spenden. Am DZM entwickeln und erforschen Musiktherapeuten, Mediziner, Musikwissenschaftler und Psychologen in interdisziplinären Projekten musiktherapeutische und musikmedizinische Konzepte zur Verbesserung der Lebenssituation erkrankter Menschen.

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26. Mai 2006

Methusalems Medizin

Die amerikanische Biotech-Firma Geron will Krebs mit einem Tumor-Wachstumsblocker bekämpfen. Nebeneffekt: Gesunde könnten damit viel älter werden. Eine spannende Spekulation Seite 28 von Michael Braun Methusalem, der Großvater von Sintflut-Noah, war ein rüstiger Gesell. Noch im Alter von 187 Jahren soll der biblische Patriarch seinen Sohn Lamech gezeugt haben. Danach, heißt es bei Luther, „lebte er 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, daß sein ganzes Alter ward 969 Jahre“. Mit dieser Vitalität können die Menschen im 21. Jahrhundert naturgemäß nicht mithalten. Doch sie sind dem Urvater Methusalem ganz langsam auf den Fersen. Mädchen, die heute in Deutschland auf die Welt kommen, haben mittlerweile eine statistische Lebenserwartung von 91, Jungen von 85 Jahren. Und der Alterstrend zeigt in den sogenannten Sterbetafeln der Versicherungsstatistiker weiterhin steil nach oben – gen 100 für alle. Damit nicht genug. Geron, ein Anfang der 90er Jahre gegründetes Biotechnologie-Unternehmen mit Sitz im kalifornischen Menlo Park, will das Leben der Menschen mit Hilfe der Telomeraseforschung noch weiter verlängern. Bei Erfolg wäre eine statistische Lebenserwartung denkbar, die deutlich über der Jahrhundertgrenze liegen könnte – bei 120 Jahren oder sogar mehr. Erreichen will Geron dies mit Hilfe des Enzyms Telomerase. Dieses Enzym sitzt im Zellkern von Tumoren, nicht aber (mit ganz wenigen Ausnahmen) in gesunden Körperzellen. Dort macht es möglich, was eigentlich nicht sein darf: Telomerase läßt in einem komplexen Mechanismus krankes Krebsgewebe unkontrolliert wachsen. Bei jeder Teilung einer gesunden Zelle werden die Spitzen der Chromosomen, die sogenannten Telomere (griechisch für „Endteile“), ein winziges Stückchen gekappt. Diese Telomere sitzen gewissermaßen wie ein Plastikring am Ende eines Schnürsenkels und halten das Chromosomen-Knäuel in Form. Sind sie nach vielen Teilungen aufgebraucht, stirbt die Zelle ab. Weil dies milliardenfach geschieht, altert der Mensch, seine Körperleistung läßt deutlich nach. Er verliert Muskeln, Knochen- und Hirngewebe. Er schrumpft. Telomerase hat in bösartigen Zellen eine besonders gemeine Fähigkeit: Sie kann die Verkürzung der Telomere unterbinden. Da sie dies ausgerechnet und ausschließlich in Krebsgewebe tut, können Tumore mit Hilfe dieses Enzyms unkontrolliert wachsen, bis sie irgendwann den Körper besiegt haben.

Der Ansatz der Forscher zielt auf diesen Mechanismus. Wenn es ihnen gelingt, die Telomerase gezielt zu blockieren, könnten Tumore im Prinzip nicht wachsen. Genau diesen Effekt will der geplante Geron-Impfstoff, für den zur Zeit klinische Tests (Phase 1/2) am Duke University Medical Center in North Carolina laufen, erzielen, indem er das Immunsystem gegen Telomerase aufstachelt. Gerons Partner in diesem Projekt ist der US-Pharmagigant Merck, der seit vergangenen September gut drei Prozent der Geron-Aktien hält. Noch einen Schritt weiter ist das dänische Unternehmen Pharmexa. Erst vor drei Wochen schickten die Skandinavier den Telomerase-Impfstoff GV 1001 in die klinische dritte und letzte Phase. Nach Angaben von Pharmexa ist dies die erste Phase 3-Studie eines Telomerase-Wirkstoffs weltweit. GV 1001, auch PrimoVax genannt, wird an mehreren hundert Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, einer besonders aggressiven Krebsform, getestet. Doch dies soll nur der Anfang sein. „Theoretisch“, heißt es bei Pharmexa, „könnte GV 1001 sich als Universal-Krebsimpfstoff entpuppen.“ Sollten Pharmexa und Geron – die Rivalen beharken sich zur Zeit in einem munteren Telomerase-Patentstreit – eines Tages Erfolg haben, dürften Krebserkrankungen weiter an Schrecken verlieren.

Nicht weniger revolutionär als die Krebstherapie ist das, was Geron mit Hilfe der Telomerase in alten oder geschwächten Zellen leisten will. Gezielt eingeführt, könnte das Enzym in solchem Gewebe die Länge der Telomere erneuern und so dafür sorgen, daß Zellen sich regenerieren und länger leben. Dieser Ansatz – die ersten Produkte sind indes noch Jahre von einer Markteinführung entfernt – könnte bei einer Fülle von Leiden zum Einsatz kommen, etwa bei Arteriosklerose, Anämie oder altersbedingter Sehschwäche. „Die kontrollierte Aktivierung der Telomerase in normalen Zellen kann die Telomer-Länge erneuern, das Leistungsvermögen verbessern und die Lebensspanne von Zellen erhöhen“, heißt es bei Geron. Kurz: Die Zellen würden langsamer altern – und damit der Körper, dessen Teil sie sind. Ein Joint Venture von Geron und der Biotechnology Research Corporation (BRC) in Hongkong beschäftigt sich gezielt mit dieser Produktgruppe. Aber wie stets bei Forschungen im Life-Sciences-Bereich sind die möglichen Risiken und Nebenwirkungen sehr hoch. Anleger sollten daher sehr vorsichtig agieren und sich jederzeit des hohen Rückschlagpotentials bewußt sein. So bescheinigt Nora Frey, Partnerin bei der Anlagegesellschaft Adamant Biomedical Investments in Basel, dem Telomerase-Ansatz zwar, „wissenschaftlich sehr interessant“ zu sein. Allerdings seien „diese Projekte sehr langwierig und spekulativ“. Sowohl Pharmexa als auch Geron seien „eher klein und könnten in den kommenden Jahren mit Cash-Problemen zu kämpfen haben“. Vor diesem Hintergrund rät sie Privatanlegern ab, „in die kleinen, hochspekulativen Titel zu investieren“. Man könne mit Direktanlagen in diesem Segment sehr viel Geld verlieren – wenngleich, sagt Frey, „auch gewinnen“. Sollten die Telomerase-Forscher erfolgreich sein, würden nicht nur die Aktionäre der beteiligten Biotech-Firmen kräftig profitieren, sondern alle Patienten. Ob Krebstherapie oder ein Hinauszögern des Alterungsprozesses: Es besteht die Chance, daß die statistische Lebenserwartung der Menschen mittelfristig weiter steigt. Ob sie allerdings so alt werden wie Methusalem, bleibt fraglich. Der Urvater starb mit 969 Jahren, erstaunlicherweise aber offenbar nicht an Altersschwäche. Glaubt man den Jahresangaben im 1. Buch Mose, kam er im Jahr der Sintflut ums Leben.

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26. Mai 2006

Was Nervenfasern wieder wachsen lässt

Neuentdeckter Wachstumsfaktor stimuliert selbst Nerven des zentralen Nervensystems

Amerikanische Forscher haben einen Wachstumsfaktor entdeckt, der die Regeneration von verletzten Nervenfasern im zentralen Nervensystem stimuliert. Normalerweise können die Nervenzellen im Hirn und Rückenmark von Erwachsenen nach Verletzungen nicht wieder wachsen. Die Substanz namens Oncomodulin könnte einmal bei der Behandlung von Nervenschäden im Auge eingesetzt werden, glauben die Forscher.

Die Wissenschaftler untersuchten Sehnerven, die die Netzhaut des Auges mit dem visuellen Zentrum im Gehirn verbinden. Diese Nerven dienen Forschern häufig als Modell, um die Erneuerung von Nervenzellen in Hirn und Rückenmark zu untersuchen. In ihrer Studie brachten die Forscher um Yuqin Yin von der Harvard Medical School in Boston Nervenzellen der Netzhaut in einer Petrischale mit Oncomodulin und bestimmten anderen Substanzen in Kontakt. Daraufhin verdoppelte sich das Wachstum der Nervenfasern fast. Keine andere Substanz wirkte als ähnlich starker Wachstumsfaktor.

Auch bei Versuchen mit lebenden Ratten mit Verletzungen der Augennerven konnten die Forscher die wachstumsfördernde Wirkung von Oncomodulin beobachten. Die Substanz regte in den Tests die Regeneration der Nervenzellen um das fünf- bis siebenfache an. Die Forscher führen die Wirkung der Substanz darauf zurück, dass Oncomodulin eine Vielzahl von Genen anschaltet, die das Wachstum der Nervenzellen steuern.

Oncomodulin könnte sich eines Tages bei der Behandlung von Schäden an Nerven des Auges als nützlich erweisen, die durch Tumoren oder durch Verletzungen entstanden sind. Der Wachstumsfaktor könnte auch zur Behandlung des Grünen Stars eingesetzt werden. Bei dieser auch Glaukom genannten Augenkrankheit führt ein erhöhter Augeninnendruck zur Beschädigung des Sehnervs.

Die Forscher wollen nun erproben, ob die Substanz auch zur Behandlung von Nervenzellen eingesetzt werden kann, die bei Schlaganfällen oder Rückenmarksverletzungen geschädigt werden. Möglicherweise kann die Wirkung zudem noch durch zusätzliche Stoffe gesteigert werden, die Wachstumshemmstoffen entgegenwirken.

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24. Mai 2006

Warum Frauen so schlecht Landkarten lesen können

Räumliches Gedächtnis ist bei Männern besser als bei Frauen ausgeprägt und ergänzt die Orientierung anhand markanter Punkte

Frauen haben im Allgemeinen einen schlechteren Orientierungssinn als Männer, weil sie ein schlechteres Gedächtnis für räumliche Zusammenhänge haben. Sie merken sich eher markante Punkte in der Landschaft wie Kirchen, Tankstellen oder andere auffällige Gebäude, haben zwei schottische Forscherinnen gezeigt. Männer dagegen speichern sowohl solche optischen Hinweise als auch räumliche Zusammenhänge ab, ohne dabei eine der beiden Strategien zu bevorzugen.

Die meisten Männer können sich Wege besser merken und finden sich auch auf Landkarten leichter zurecht. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass dahinter eine unterschiedliche Strategie steckt, sich zu orientieren. Das spiegelt sich etwa in der Art wider, wie Männer und Frauen eine Wegbeschreibung aufbauen: Während sich die Männer auf Himmelsrichtungen und Entfernungen konzentrieren, beschreiben Frauen fast ausschließlich markante Punkte. Ob sich die Herangehensweise jedoch deswegen so stark unterscheidet, weil beide Geschlechter unterschiedliche Informationen auswerten oder ob sich Frauen tatsächlich räumliche Zusammenhänge schlechter merken können, war bislang unklar.

Um das zu untersuchen, führten Catherine Jones und Susan Healy von der Universität Edinburgh verschiedene Tests mit insgesamt 97 Freiwilligen durch. Einige der Tests waren nur mithilfe von räumlichen Informationen zu lösen, während für andere ausschließlich visuelle Hinweise wichtig waren. In einem letzten Test untersuchten die Forscherinnen schließlich, welche Informationen für die männlichen und weiblichen Probanden jeweils am hilfreichsten waren. Das Ergebnis: Frauen schnitten in den räumlichen Tests sehr viel schlechter ab als Männer. Hingegen waren die Leistungen bei den Aufgaben, bei denen es auf optische Merkmale ankam, praktisch gleich. Frauen haben demnach ein sehr viel schlechteres Gedächtnis für räumliche Anordnungen und verwenden hauptsächlich optische Informationen zum Orientieren, schließen die Forscherinnen. Männer können dagegen die räumlichen und die visuellen Hinweise gleich gut verwerten.

Das erkläre auch, warum sich Frauen lediglich in einigen wenigen Situationen, beispielsweise in geschlossenen Räumen, besser orientieren können als Männer: Während sich Frauen ausschließlich auf die in solchen Fällen wichtigeren optischen Informationen konzentrieren, teilen die Männer ihre Aufmerksamkeit zwischen den wesentlichen und den unwesentlichen Informationen auf, so die Wissenschaftlerinnen. Sie wollen nun prüfen, welchen Vorteil diese Art der Orientierung den Frauen während der frühen Entwicklung gebracht haben könnte.

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24. Mai 2006

“Fingerabdrücke” im Atem

- Suche nach Krankheits-Signalen in der Ausatemluft von Patienten

Anfang des Jahres sorgten fünf kalifornische Hundenasen für Schlagzeilen: Die dazugehörigen Vierbeiner haben - trainiert von einem amerikanisch-polnischen Forscherteam - Brust- oder Lungenkrebs in der Ausatemluft von Patienten mit hoher Trefferquote erschnüffelt. Das Problem der Arzthelfer mit Fell: Ihre Diagnosen hängen von der Tagesform ab. Sind ihre Riechorgane beeinträchtigt, etwa durch eine Erkältung oder das Rasierwasser des Patienten, kann das zu einer falschen Diagnose führen - das wiederum können sie jedoch aus nahe liegenden Gründen nicht mitteilen. Auch Mediziner der Lungenklinik Hemer möchten den Atem von Patienten zur Bestimmung und Beurteilung von Krankheiten nutzen, doch statt auf tierische setzen sie auf elektronische “Nasen”: Spezielle Spektrometer, von Wissenschaftlern des Dortmunder ISAS - Institute for Analytical Sciences entwickelt, analysieren die chemische Zusammensetzung von Gasen.

Mit der gleichen Messtechnik wurde bisher auf Flughäfen nach Sprengstoffen gesucht, auch die Polizei nutzt sie zum Aufspüren von Drogen. Künftig, so die Vision der Mediziner und Wissenschaftler, könnte sie jedoch auch in Kliniken und Arztpraxen bei der Diagnose von Lungenerkrankungen eingesetzt werden. Noch ist das Zukunftsmusik, funktionieren kann die Methode nämlich nur, wenn jede Krankheit eindeutige und unverwechselbare “Fingerabdrücke” in der Ausatemluft hinterlässt.

Seit Anfang Mai sind die Ärzte aus Hemer gemeinsam mit Wissenschaftlern des ISAS und Statistikern der Universität Dortmund auf der Suche nach diesen Fingerabdrücken, in Fachkreisen Marker genannt. Das heißt: Aus der Vielzahl der in der Atemluft vorhandenen Moleküle muss das Forscherteam diejenigen identifizieren, die durch eine Lungenentzündung oder durch ein Bronchialkarzinom erzeugt wurden. “Auch sexuelle Aktivität hinterlässt Spuren im Atem, ebenso wie die Zahncreme oder das letzte Bier von gestern Abend”, erläutert der Physiker Jörg Ingo Baumbach vom ISAS. “Alle Stoffwechselvorgänge gemeinsam erzeugen Muster aus Molekülen im Atem; wir wollen herausfinden, ob es charakteristische Muster für Lungenerkrankungen gibt.” Bei einigen Erkrankungen sind die Wissenschaftler bereits vor zwei Jahren fündig geworden, damals haben sie in einer Pilotstudie Marker für eine bestimmte Tumorart und einige Atemwegsentzündungen entdeckt. Die Anzahl der Patienten war jedoch relativ klein, darum will das Team mit der aktuellen Untersuchung die Ergebnisse der vorigen Studie überprüfen. Vor allem aber wollen sie nach den Markern weiterer Erkrankungen im Atem von Patienten fahnden.

Im Moment ist das Spektrometer noch in der “Lernphase”; es kann zwar sagen, dass etwas da ist, aber noch nicht immer was es ist. Bis das Gerät wirklich bei Patienten zum Einsatz kommen kann, werden daher noch einige Jahre vergehen. Doch Michael Westhoff, Arzt in der Lungenklinik Hemer, ist zuversichtlich, dass das Spektrometer irgendwann zum Standardinventar in jeder Arztpraxis gehört. Nicht nur bei der Diagnose, sondern auch bei der Überprüfung des Therapie- Erfolgs soll es dann behilflich sein. “Wir wollen die Ausatemluft, ebenso wie Blut und Urin, als Informationsquelle über den Gesundheitszustand eines Patienten etablieren”, so der Lungenspezialist. Und Jörg Ingo Baumbach ergänzt: “Viele Patienten würden das sicher begrüßen, weil das Pusten ins Spektrometer für sie einfacher und angenehmer ist, als die Blutabnahme oder das Abgeben einer Urinprobe.” Zudem ist das Gerät günstiger und schneller als so manche Laboruntersuchung. Und im Vergleich mit ihren vierbeinigen Konkurrenten haben die elektronischen “Nasen” neben der Tagesform- Unabhängigkeit noch einen weiteren Vorteil: Sie vertragen sich besser mit den klinischen Hygienevorschriften.

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